Experten in der WZ

24 Januar, 2008

Die Wilhelmshavener Zeitung (WZ) berichtet inzwischen fast täglich über die Planungen des Electrabel Kohlekraftwerks. Der geneigte Leser wird erkennen, dass es sich bei der Berichterstattung häufig um reine Werbebotschaften für den Energiekonzern handelt. So kommen heute gleich mehrere Vertreter von Verbänden zu Wort, die ihre Meinung zum Kohlekraftwerk und den Gegnern Kund tun.

Interessant ist, dass es sich bei den Verbänden, bis auf den NABU, ausschließlich um lokale Wirtschaftsverbände handelt. Deren Vertreter beten erneut die alte Leier von entstehenden Arbeitsplätzen und angeblich sinkenden Strompreisen herunter. Das Strompreise durch neue Kraftwerke nicht sinken, ist natürlich allen Menschen bewusst. Die Vertreter der zügellosen Marktwirtschaft werden trotzdem nicht müde, diese Lüge weiter zu verbreiten. Zwar werden seit Jahren immer mehr Kraftwerke gebaut, die Strompreise steigen zeitgleich in nie gekannte Höhen.

Das Versprechen von Arbeitsplätzen bei geplanten Neuansiedlungen hat in Wilhelmshaven bereits eine lange Tradition. Immer wenn den Befürwortern die Argumente ausgehen, kommen sie mit den Arbeitsplätzen, gegen die ja nun wirklich niemand etwas haben könne. Selbstverständlich hat auch die Zeche Rüstersielergroden nichts gegen neue Arbeitsplätze! Wir bieten Alternativen, durch die weit mehr Arbeitsplätze in der Region entstehen und gesichert werden.

Unbestritten und ständig statistisch belegt sind die erneuerbaren Energien der Jobmotor in Deutschland. Vom Jahr 2000 bis Ende 2007 wurden in Deutschland über 230.000 Arbeitsplätze im Bereich der erneuerbaren Energien geschaffen (32.857 neue Arbeitsplätze pro Jahr!). Die Roland Berger Unternehmensberatung erwartet, dass im Jahr 2020 etwa 400.000 bis 500.000 Menschen im Bereich der erneuerbaren Energien tätig sind. Das macht rund 22.500 neue Arbeitsplätze pro Jahr. Bis 2030 sagt Berger die Zahl von unglaublichen 710.000 Beschäftigten in diesem Sektor voraus.

Bei 20.000 bis 30.000 neuen Arbeitsplätzen in der Umweltbranche pro Jahr sollten sich die Verteidiger der steinzeitlichen Kraftwerkstechnologien Gedanken machen, wie viel die 100-300 neuen Arbeitsplätze in Wilhelmshaven Wert sind und welchen Preis wir dafür bezahlen. Sämtliche Parteien, also auch die SPD, CDU und FDP haben die erneuerbaren Energien als Jobmotor und zukunftsweisende Technologien erkannt. Windräder aus Ostfriesland sind einer der Exportschlager der Deutschen, während unsere Kohlekraftwerke in Asien bestellt und gebaut werden!

Aber zurück zu den Kraftwerksbefürwortern der heimischen Wirtschaftsverbände. Deren Forderung ist klar: Sie wollen ein Kraftwerk aus Asien, das mit Kohle aus China und Südafrika betrieben wird. Der Betreiber des Kraftwerkes kommt aus Belgien, die Monteure aus Asien. Die Matrosen auf den Kohleschiffen kommen von den Philippinen und laufen unter den Flaggen karibischer Kleinststaaten. Uns wird erklärt, dass das Kohlekraftwerk in Wilhelmshaven Arbeitsplätze in unserer Region schafft.

Nicht das der Eindruck entsteht, dass die Zeche auch nur das kleinste Problem mit globalen Verflechtungen hat. Besonders Deutschland profitiert von der internationalen Arbeitsteilung. Allerdings sollten die hier geschilderten Zusammenhänge benannt werden, um die dauernden Versprechung von Arbeitsplätzen zurecht zu rücken. Wer Arbeitsplätze in Deutschland wünscht, der muss auf erneuerbare Energien setzen. Auch in Wilhelmshaven könnte besonders der beschäftigungsintensive Mittelstand davon profitieren, wenn wir endlich Energiesparmaßnahmen umsetzen würden. Das Potential, allein im öffentlichen Bereich, reicht aus, um Ausgaben für Energie einzusparen, die Umwelt zu schützen und mehrere hundert Arbeitsplätze zu schaffen!

Das nun ausgerechnet die Verbände des Mittelstandes in Wilhelmshaven lieber auf Großindustrie setzen, als ihre eigenen Mitgliedsunternehmen zu fördern, verwundert doch sehr. Der Bauunternehmer, der Klempner, der Elektriker, der Dachdecker oder der Glaser aus Wilhelmshaven hätte weit mehr davon, wenn die Gebäude in unserer Stadt auf Energieeinsparung umgerüstet würden, als von einem Kraftwerk im Rüstersieler Groden. Die Kosten für die Umrüstungen werden durch die Einsparungen bereits nach wenigen Jahren wieder rein geholt!

Somit war, ist und bleibt die Zeche Rüstersielergroden Verfechter von Arbeitsplätzen vor Ort! Durch umweltverträgliche Technologien werden Arbeitsplätze gesichert, entstehen neue und der Mittelstand wird gefördert. So sieht verantwortungsbewusste Umwelt-, Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik aus!

5 Kommentare

  1. 5

    Wilhelm

    Arbeitsplätze.

    Seit ICI läuft hier die Arbeitsplatz-Tombola und spielt mit den Hoffnungen der Menschen. Man glaubt ja auch so gern an einen Gewinn und fällt drauf rein. Auch jetzt sind in der Lostrommel JWP fast nur Nieten.

    Die WZ schrieb am 1.2.08:
    “Ob sich aber schon (!) durch den Bau des JadeWeserPorts Chancen für heimische Arbeitslose ergeben, das ließ Hempfling (Arbeitsagentur WHV) offen. Aus ersten Kontakten mit der Bunte-Gruppe … habe er herausgehört, dass die Masse der Beschäftigten, die vor Ort tätig werden, mitgebracht werden.” Der Jahrhundertbau, die größte Baustelle Europas - und so ein Ergebnis.

    Nun, das nächste “Jahrhundert-Bauwerk” (kleiner haben wir es leider nicht) wartet schon und dann, dann gibt das aber richtig Arbeitsplätze.

    Die Gaukler mit der Tombola werden so sagen.

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  2. 4

    Frank Eilts

    Ich bin erstaunt über die Parallelen zwischen 1976 und 2008.
    Schon damals machte ein großer Konzern Druck auf die Stadt Wilhelmshaven unter dem Hinweis darauf, das man sich zwischen mehreren Standorten entscheiden müsse.

    Man scheute die Öffentlichkeit und sprach sich lieber untereinander ab.

    Die lokale Presse versuchte Kritiker klein zu schreiben und den Lobbyisten wurde großer Platz geboten.

    Die Argumente “Arbeitsplätze für Wilhelmshaven” und die glänzende Zukunft der chemischen Industrie und der damit angeblich einhergehende wirtschaftiche Aufschwung Wilhelmshaven wurden immer dann gezogen, wenn man den Bürger für das “Projekt” begeistern wollte. Negative Aspekte wurden beiseite geschoben und ausgeblendet

    Versprechen, insbesondere auf Arbeitsplätze wurden rigoros gebrochen und irrwitzige Summen von Steuergeldern darauf verwendet, der Industrie den Standort Wilhelmshavn schmackhaft zu machen.

    Ob die damaligen Entscheidungen den Aufschwung für Wilhelmshaven gebracht haben, kann sich ja jeder mal durch den Kopf gehen lassen.

    Am Ende stellt sich mir zwei Fragen:
    1. Wer hatte damals die Vorteile?
    2. Wer hat sie heute?

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  3. 3

    Marianne

    Der Beitrag zu den Experten ist sehr gut.
    Ich habe mit viel Interesse jetzt auch den Artikel im Stern Nr. 4 Seite 126 bis 129 über Kohlekraftwerke gelesen.
    Er ist sehr informativ und aufschlussreich. Hieraus geht eindeutig hervor, dass sich die Kohleverstromung deutlich reduzieren lasse und bis 2050 auf fast null herunterfahren ließe- bei gleichzeitigem Atomausstieg.Die Lücke könnten erneuerbare Energien, Einsparungen und kleine, effiziente Kraftwerke aus Kraft-Wärme-Kopplung schließen.
    Auch der immer wieder von den Wirtschaftsverbänden und der WZ gerne eingebrachte
    Hinweis darauf, dass ohne Kohlestrom schon bald die Lichter ausgehen, wird sogar von den Konzernmanagern der Energiekonzeren hinter vor gehaltener Hand belächelt, denn für das erste Halbjahr 2007 meldet die Stromwirtschaft ein Minus von 1,1 Prozent - bei immer mehr Elektrogeräten.

    Also wenn sich die Wirtschaftsverbände und die Gewerkschaften, aber auch die Kommentatoren der WZ immer wieder für Arbeitsplätze - auch in Wilhelmshaven - einsetzen, sollte dieses mit Sinn und Verstand zum Wohle der nachkommenden Generationen sein.
    Arbeitsplätze um jeden Preis ist unverantwortlich.

    Die Kraftwerksbefürworter der Wirtschaftsverbände, der Gewerkschaften und auch die im Rat der Stadt sind zum Teil schon so alt, dass sie - ich gönne allen ein langes Leben - aber wahrscheinlich die viel versprochenen neuen Techniken der Abscheidung des Klimakillers CO2 frühestens ab 2020 - gar nicht mehr erleben.

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  4. 2

    Jochen Martin

    Möglicherweise liegt es ein bisschen mit an der Geschichte und der Struktur Wilhelmshavens, dass die heimische Wirtschaft zumeist auf ausgelatschten Pfaden trampelt:

    Seit der Gründung der Stadt bis 1945 hat sich die heimische Wirtschaft überwiegend von Großaufträgen des Militärs genährt.

    Schon 10 Jahre später waren es wieder die Großinvestoren, die einige Aufträge für den Aufbau ihre großindustriellen Anlagen an die heimische Wirtschaft vergaben.

    Es scheint, als würden sich viele heimische Unternehmer von der Jahrzehnte andauernden Propaganda mit Schlagworten von Jahrhundertbauwerken, Initialzündung für zukünftige Prosperität, Milliardeninvestionen etc.,pp. darüber hinwegtäuschen lassen, dass die mit Milliarden von Steuergeldern geförderten Großprojekte den Niederang der Stadt nicht aufgehalten haben.

    Vielleicht bremst die Gewöhnung an bzw. die Hoffnung auf Großaufträge den Wagemut der heimischen Wirtschaft, innovate Produkte zu entwickeln, die sich - unabhängig von staatlich geförderten Milliardeninvestitionen vermarkten lassen…

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  5. 1

    Dieter

    Zur Info: Hitachi Power hat nur den Bereich Energietechnik der insolventen Unternehmensgruppe Babcock Borsig AG übernommen. Soviel zu den Asiaten…

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